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Was sind Lehr- und Lernvideos? Teil III: Potenziale & Kritik

Bild von Sönke Hahn in Anlehnung an Sarah Brockmann, freigegeben unter CC 0 (1.0)

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Mit­schnitt und Strea­ming einer Vor­le­sung, län­gere oder kür­zere Erklär­vi­deos, Anschau­ungs­ma­te­rial als Demons­tra­ti­ons­vi­deo, all das ange­rei­chert mit Ani­ma­tio­nen, Screen­casts etc. — die Kate­go­rie von Lehr- und Lern­vi­deos sind viel­fäl­tig. Das haben wir in Teil 1 und ins­be­son­dere Teil 2 bereits gese­hen. Nun wol­len wir eine Über­sicht der Chan­cen von Lehr- und Lern­vi­deos abschlie­ßend geben. Aber, wo Licht ist, da ist auch Schat­ten: Wir müs­sen uns also in die­sem letz­ten Teil die­ser Serie mit Pro­ble­men und Her­aus­for­de­run­gen im Ein­satz von Lehr- und Lern­vi­deos und Umgang mit sel­bi­gen aus­ein­an­der­set­zen.


Fröhliches Buch auf Wippe – Startposition im Feld Lehr- und Lernvideos bildlich dargestellt.

Die erste Seite im Feld der Lehr- und Lern­vi­deos im Fokus
Bild von Sönke Hahn in Anleh­nung an Sarah Brock­mann, frei­ge­ben unter CC BY 4.0


In den vor­an­ge­gan­ge­nen Tei­len die­ser Blog-Serie haben wir eine grund­le­gende Defi­ni­tion von Lehr- und Lern­vi­deos vor­ge­nom­men und vier Cha­rak­te­ris­tika iden­ti­fi­ziert: Lehr- und Lern­vi­deos sind eine ggf. zeit­lich und ört­lich unab­hän­gig abruf­bare, didak­tisch auf­zu­be­rei­tende und ein­zu­ord­nende Audio­vi­sua­li­sie­rung. Es folgte eine didak­ti­sche Ein­ordung, dabei wurde umris­sen, wie und in wel­chen Sze­na­rien Videos ein­setz­bar sind. Wir haben uns die Mul­ti­me­dia-Prin­zi­pien vor­ge­nom­men, anhand derer auch das Ler­nen und Leh­ren via Bewegt­bil­der opti­miert wer­den kann. Im zwei­ten Teil haben wir uns der 2 + 1 Kate­go­rie im Feld von Lern­vi­deos gewid­met — Vor­le­sung auf Video (live, als Auf­zeich­nung), Erklär­vi­deos und Demons­tra­ti­ons­vi­deos. Und diese Kate­go­rien haben wird in Bezug zum Medium Film an sich und Ein­satz fin­den­der Tech­ni­ken, den Pro­duk­ti­ons­for­men gesetzt. Nun wol­len wir die Poten­ziale, aber auch die Schwä­chen des Ein­sat­zes von Videos aus kom­mu­ni­ka­tive-didak­ti­scher Sicht behan­deln.


Didaktisch-kommunikative Potenziale von Lehrvideos

Hier unter­schei­den wir der Über­sicht hal­ber in drei Poten­ti­al­grö­ßen: grund­le­gende Poten­ziale, Poten­ziale im didak­ti­schen Gesamt­mix sowie Poten­ziale aus Pro­duk­ti­ons­per­spek­tive. Grund­le­gende Poten­ziale erge­ben sich aus der Eigen­art des Medium, Poten­ziale im Gesamt­mix setz­ten das bewegte Bild in Bezug zu ande­ren Lehr- und Lern­maß­nah­men; „Pro­duk­ti­ons­per­spek­tive“ ver­weist auf prak­ti­sche Poten­ziale bei der Rea­li­sa­tion von Lehr- und Lern­vi­deos.

Grundlegende Potenziale

  • „Arbeits­ge­dächt­nis-kon­forme“ Ver­mitt­lung: Durch eine mul­ti­me­diale Anspra­che des Publi­kums, also die Nut­zung visu­el­ler und akus­ti­scher Kanäle, kann die Chance erhöht wer­den, ange­dach­ten Inhalt zu ver­mit­teln — ohne das Arbeits­ge­dächt­nis ein­sei­tig zu be- oder über­las­ten. Siehe Mul­ti­me­dia­prin­zi­pien und ihre Hin­ter­gründe im ers­ten Bei­trag. Dabei ist durch die pro­du­zie­rende Per­son Abwä­gungs­ar­beit zu leis­ten bzw. mit Blick auf lern­för­dern­den Maß­nah­men eine gute Mitte zu fin­den: Lern­för­der­lich sind Lehr- und Lern­vi­deos, wenn spre­chend dar­ge­bo­tene Aus­sa­gen oder Erklä­run­gen mög­lichst syn­chron zu den Visua­li­sie­run­gen erfol­gen (≈ zeit­li­ches Kon­tin­gui­täts­prin­zip). So soll­ten sich Ton und Bild einer­seits nicht zu sehr von­ein­an­der ent­fer­nen (≈ Kohä­renz­prin­zip). Es kann sonst ein Ori­en­tie­rungs­ver­lust sei­tens Ler­nen­der dro­hen. Ande­rer­seits sollte bei­spiels­weise nicht vor­ge­le­sen, also ein 1:1‑Aussprechen les­ba­rer, also gezeig­ter Texte voll­zo­gen wer­den (≈ Red­un­danz­prin­zip). Ein sol­ches Vor­ge­hen kann mit Blick auf den visu­el­len und akus­ti­schen Res­sour­cen bzw. unser Arbeits­ge­dächt­nis zu einer nur schwer­lich syn­chro­ni­sier­ba­ren Last füh­ren.
  • Indi­vi­du­el­les Ler­nen begüns­ti­gend, zeit- und orts­un­ab­hän­gig: Die heute meist digi­ta­len, in Inter­net, Intra­net etc. plat­zier­ten Videos kön­nen — wie natür­lich auch andere digi­tal bereit­ge­stellte Materialien/Medien — zeit- und oder ort-unab­hän­gig von Ler­nen­den abge­ru­fen wer­den. Dabei kann ein Video, der dort doku­men­tierte Inhalt also mehr­fach ange­se­hen wer­den etc. Anders ver­hält es sich bei Live-Über­tra­gun­gen, die eine Auf­zeich­nung nicht vor­se­hen. Bezüg­lich Live-Über­tra­gun­gen könnte aller­dings der nicht-wie­der­hol­bare Event-Cha­rak­ter betont wer­den, um ggf. zum Ein­schal­ten zu moti­vie­ren.
  • Anschau­li­che Ver­mitt­lung von Zusam­men­hän­gen, gar Räu­men: Lehr- und Erklär­vi­deos ber­gen das Poten­zial, Sach­ver­halte anschau­lich zu machen und Zusam­men­hänge auf­zu­zei­gen. Obschon die­ses Poten­zial vor allem 3D-Ani­ma­tio­nen und/oder natu­ra­lis­ti­schen Gestal­tungs­an­sät­zen (Zan­der et. al. 2018: 10) zuge­spro­chen wird, wol­len wir ver­all­ge­mei­nern: Ana­log zur Sequen­zia­li­tät des Medi­ums Film eige­nen sich Abfol­gen oder Pro­zes­sen beson­ders als Inhalte für Videos bzw. dies kön­nen in auch kur­zen Videos abge­bil­det wer­den (Har­der o. J. 102) — als Fusion aus Inhalt und Form. Poten­ziale birgt das beweg­ten Bil­des auch auf Grund unse­rer Ver­traut­heit mit sel­bi­gen, inso­fern wir es aus ein­zel­nen Bil­dern und Ein­stel­lun­gen vor unse­rem geis­ti­gen Auge Räume ent­ste­hen las­sen kön­nen. Wir haben von klein auf an gelernt, unbe­wusst die durch Schwenks und Schnitte dar­ge­bo­te­nen Infor­ma­tio­nen in eine räum­li­ches Kon­zept zu über­füh­ren. Wir tau­chen quasi, auch ohne ste­reo­sko­pi­sches 3D und ohne 360°-Filme, in den so ent­ste­hen­den Raum (Hahn 2018) und damit ggf. ange­dach­ten Lehr­in­halt ein. Kon­kret kön­nen einige Mit­tel auf­ge­zählt wer­den, die bei der Kon­zep­tion von Lehr- und Lern­vi­deos auf­ge­grif­fen wer­den könn­ten. Zur Nut­zung des Raums in der Bild­flä­che kön­nen sprach­li­che oder visu­elle Her­vor­he­bun­gen gesetzt wer­den. Ori­en­tie­rung bie­ten die soge­nann­ten deik­ti­schen Hin­weise, die über den gespro­che­nen Text einen kon­kre­ten Bezug zu den Bil­dern her­stel­len — ähn­lich wie im Hör­saal, wenn auf den Inhalt einer Folie bezug­ge­nom­men wird: „Hier unten sehen Sie nun“, „direkt dane­ben“ oder „die­ses Sym­bol zeigt“. Alter­na­tiv kön­nen aber auch visu­elle Her­vor­he­bun­gen etwa durch Farbe oder Typo­gra­fie, Pfeile, Ein­krei­sun­gen oder Ani­ma­ti­ons­ef­fekte zum Ein­satz kom­men, die eben­falls dazu die­nen die Auf­merk­sam­keit auf die Inhalte zu len­ken (Signa­li­sie­rungs­prin­zip).
  • Zeit mani­pu­lie­ren und sicht­bar machen: Dane­ben kön­nen auch Inhalte abge­bil­det wer­den, die eine zeit­li­che Dimen­sion auf­fan­gen. Den­ken wir an lang­an­dau­ernde oder für das bloße Auge schnell ablau­fende che­mi­schen Reak­tio­nen. Auch hier gelingt es mit der Auf­nahme über Zeit­lu­pen oder über Raf­fun­gen Pro­zesse, oder Zustände abbil­den — Zeit­lupe und Zeit­raf­fer.
  • Vir­tu­elle Sub­sti­tu­tion des Mensch­me­di­ums? Wir haben bereits im ers­ten Teil erfah­ren, dass eine mensch­li­che, oder mensch-ähn­li­che Prä­senz hilf­reich sein kann: Zur Bin­dung von Leh­ren­den und Ler­nen­den unter­ein­an­der sowie zum Inhalt. Kann nicht mehr, nicht weni­ger — ins­be­son­dere mit Blick auf kon­struk­ti­vis­ti­sche Blick­win­kel. Zudem kann über die direkte Begüns­ti­gung des Ler­nens hin­aus sicher­lich eine indi­rekt lern­för­der­li­che Stär­kung eines Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zw. Leh­ren­den und Ler­nen­den durch ein abge­wo­ge­nes (visu­el­les) Auf­tre­ten der refe­rie­ren­den Per­son begüns­tigt wer­den. Stel­len Sie sich vor: Im Hör­saal zu sit­zen, ohne die bei­tra­gende Per­son zu sehen, dürfte sehr befremd­lich wir­ken (und könnte eher noch als Kri­sen­ex­pe­ri­ment durch­ge­hen). In der Pra­xis ist eine Live-Über­tra­gung von einem in einen zwei­ten Semi­nar­raum bei Raum­knapp­heit eine mög­li­che Lösung, die aller­dings eben­falls auf den/die Protagonist:in nicht völ­lig ver­zich­ten kann. Anders jedoch stellt sich das in Erklär- oder Demons­tra­ti­ons­vi­deos dar; hier ist die visu­elle Prä­senz einer vor­tra­gen­den Per­son nicht zwangs­läu­fig not­wen­dig. Auch die­ser Aspekt ist unter kom­mu­ni­ka­tiv-didak­ti­schen Gestal­tungs­punk­ten zu beleuch­ten. Die zen­trale Frage lau­tet hier: „Hat die visu­elle Prä­senz der spre­chen­den Per­son eine för­der­li­che Wir­kung auf den Lern­pro­zess?“ Bis­her gibt es noch keine ein­deu­ti­gen empi­ri­schen Erkennt­nisse, inwie­fern die Spre­chen­den­prä­senz in Lehr- und Lern­vi­deos Aus­wir­kun­gen auf das Ler­nen hat. Schmidt-Bor­cher­ding und Dren­del (2021) fra­gen nach der Bedeu­tung die­ser Prä­senz und the­ma­ti­sie­ren die Kon­kur­renz von ein­ge­setz­ten Ele­men­ten und Spre­chen­den­bil­dern um die Auf­merk­sam­keit der Ler­nende. 30 % der visu­el­len Auf­merk­sam­keit erhält die spre­chende Per­son. Deren Wir­kung im Bild ist als ambi­va­lent zu beur­tei­len: „Die Sprecher:innenpräsenz zieht […] einer­seits Auf­merk­sam­keit auf sich und kann damit vom Lern­ge­gen­stand ablen­ken. Ande­rer­seits kann ein/e sichtbare/r Sprecher:in die Auf­merk­sam­keit wie­der zurück­lei­ten auf spe­zi­fi­sche Aspekte des Lern­ge­gen­stan­des.“ (Schmidt-Bor­cher­din­g/D­ren­del 2021: 71). Die bloße Visua­li­sie­rung einer spre­chen­den Per­son ist also weni­ger ent­schei­dend als die Frage, wie und wann diese kon­kret im Video erscheint. Es kommt also ins­ge­samt auf die Kohä­renz der zum Ein­satz kom­men­den mul­ti­mo­da­len Ele­mente an (Bild, Ton, Spre­chen­den­bild) (Schmidt-Bor­cher­din­g/D­ren­del 2021: 71), womit eine kom­mu­ni­ka­tiv-didak­ti­sche Pro­blem­stel­lung berührt wird: Die Ent­schei­dung, ob und wie eine Visua­li­sie­rung der/des Spre­chen­den rea­li­siert wird, kann also hier nicht pau­schal beant­wor­tet wer­den. Emp­foh­len wird an die­ser Stelle in jedem Fall der Ein­satz eines Sto­ry­boards für die Pla­nung eines Lehr- und Lern­vi­deos, um sol­che Ent­schei­dun­gen abzu­wä­gen und fest­zu­hal­ten. Hier die Ein­la­dung in der Samm­lung zu Lehr- und Lern­vi­deo zu stö­bern. Apro­pos Sub­sti­tu­tion: An die­ser Stelle sollte nicht dem Irr­tum auf­ge­ses­sen wer­den, dass ein vir­tu­el­les Zusam­men­kom­men einem Kon­takt in Prä­senz eben­bür­tig ist. Sicher­lich, im Zuge des Pan­de­mie-Gesche­hens, kann von einem Ersatz gespro­chen wer­den, um ein nicht mög­li­ches Tref­fen in Prä­senz zu kom­pen­sie­ren. Den­noch gilt, der aus­schnitt­hafte Cha­rak­ter eines Videos führt zu einer ande­ren, weni­ger umfas­sen­den Kom­mu­ni­ka­tion (Kör­per­spra­che etc. anbe­tref­fend) in Rela­tion zu einem Tref­fen in Prä­senz.

Treppe mit sechs Lernzieltaxonomie-Stufen: von Wissen bis Bewerten – verknüpft mit Einsatzmöglichkeiten von Lehrvideos.

Ver­knüp­fung von Lern­ziel­ta­xo­no­mie und Lehr- und Lern­vi­deos
Bild von Fran­ziska Bock in Anleh­nung an Sarah Brock­mann, frei­ge­ben unter CC BY 4.0


Exkurs — Lehr- und Lernvideo + Lernzieltaxonomie

Wenn wir über didak­ti­sche Poten­ziale refe­rie­ren, bie­tet sich an die­ser Stelle das Taxo­no­mietu­fen­mo­dell an. Die Lern­ziel­ta­xo­no­mie wurde im ers­ten Teil des Blog­bei­trags bereits ange­ris­sen. Hier soll es nun darum gehen, die sechs Klas­sen der kogni­ti­ven Lern­ziele mit dem Medium Lehr- und Lern­vi­deo in Bezug zu set­zen. Der Ein­satz von Lehr- und Lern­vi­deos kann dabei auch aus didak­ti­schen Gesichts­punk­ten sehr viel­fäl­tig sein. Von der Viel­fäl­tig­keit sollte aber nicht unbe­dingt auf eine Belie­big­keit geschlos­sen wer­den. So sollte der Ein­satz von Lehr- und Lern­vi­deos nie­mals Selbst­zweck sein. Viel­mehr wer­den sie als Mit­tel ein­ge­setzt und im Rah­men der kon­zep­tio­nel­len Lehr­pla­nung begrün­det aus­ge­wählt. Bes­ten­falls lie­gen Lehr- und Lern­ziele als Aus­gangs­punkt vor. Aus­ge­hend vom kon­kre­ten Lern­ziel ver­knüpft mit der Frage was sol­len Stu­die­rende kon­kret tun (metho­disch), las­sen sich das Lehr- und Lern­vi­deo mit Blick auf die unter­schied­li­chen Lern­ziel­stu­fen in Zusam­men­hang brin­gen. Dies kann hier selbst­ver­ständ­lich nur sehr all­ge­mein und exem­pla­risch erfol­gen.

  1. Wis­sen erin­nern / Wis­sen abru­fen · Uner­heb­lich, ob es sich um selbst erstell­tes Video­ma­te­rial han­delt oder um Video­ma­te­rial Drit­ter: In bei­den Fäl­len ist eine Auf­gabe impli­ziert; das Lehr- und Lern­vi­deo besitzt Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter, das Dar­ge­bo­tene zu rezi­pie­ren. Ein Lehr- und Lern­vi­deo kann auf der ers­ten Stufe mit der Inten­tion ver­knüpft sein, Inhalte zunächst ein­mal zu rezi­pie­ren, um sich die darin ent­hal­ten­den Infor­ma­tio­nen als Wis­sen anzu­eig­nen. Häu­fig geht es um das Wis­sen ein­zel­ner Fak­ten, Abfol­gen oder um ter­mi­no­lo­gi­sches Wis­sen im Modus des Erklä­rens. Für Erkär­vi­deos, aber auch Lehr­auf­zeich­nun­gen sind diese Ansin­nen kon­sti­tu­tiv. „Der dahin­ter ste­hende didak­ti­sche Ansatz grün­det auf der Bereit­stel­lung und Dis­tri­bu­tion von Infor­ma­tio­nen.“ (Sei­del 2018: 48) Aber nicht immer führt das reine Rezi­pie­ren auch zum Erfolg. Gele­gent­lich bedarf es hier auch eine didak­ti­sche bzw. metho­di­sche Rah­mung, die über das bloße Rezi­pie­ren hin­aus geht. So kön­nen wei­tere Ele­mente z. B. Wis­sens­ab­fra­gen oder Kon­troll­auf­ga­ben hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Ob im Vor­feld, im Ver­lauf des Videos oder im Anschluss kön­nen Fra­gen oder Auf­ga­ben den Fokus stär­ken. Mit­hilfe eini­ger Anwen­dun­gen, je nach Platt­form für die Ver­öf­fent­li­chung eines Videos, lässt sich etwa ein Erklär­vi­deo in Sinn­ab­schnitte unter­tei­len. Es könnte z. B. am Ende eines Videos Auf­gabe zusätz­lich zur fer­ti­gen Datei ergänzt wer­den — H5P. Die Grenze zwi­schen der ers­ten und zwei­ten Stufe ist dabei flie­ßend.
  2. Ver­ste­hen: Für das kogni­tive Lern­zi­el­le­vel Ver­ste­hen bie­tet sich an, eine dar­ge­bo­tene Infor­ma­tion im Lehr- oder Lern­vi­deo über das Betrach­ten hin­aus wie­der­ge­ben zulas­sen. Stu­die­rende sol­len die zen­tra­len Aus­sa­gen in eigene Worte reka­pi­tu­lie­ren oder eine Zusam­men­fas­sung schrei­ben. Ein Video kann, als ein mög­li­ches Sze­na­rio, auch als stil­ler Impuls­ge­ber für einen The­men­ein­stieg fun­gie­ren, um even­tu­el­les Vor­wis­sen zu akti­vie­ren. Hier wird bereits ersicht­lich, dass die hier erfor­der­li­chen Lern­an­for­de­run­gen Bezug auf erste Level (Erinnern/Wissen) neh­men und die dor­ti­gen Über­le­gun­gen mit­füh­ren — wie gesagt die Stu­fen sind nicht über­schnei­dungs­frei.
  3. Anwen­den: Die Lern­ziel­stufe Anwen­den kann in Ver­bin­dung mit Lehr- und Lern­vi­deos eben­falls unter­schied­lich gestal­tet wer­den. So kann ein Fall als Demons­tra­ti­ons­ma­te­rial ein­ge­setzt wer­den, und für eine kon­krete Selbst­lern­ak­ti­vi­tät fun­gie­ren. Auch ist es mög­lich für die Phase des Anwen­dens eine Grund­lage über ein Video vor­zu­schal­ten, was aller­dings als Instruk­tion zu bezeich­nen wäre: Video­in­struk­tio­nen, hier auch als Tuto­rial auf­ge­führt, geben Anwei­sun­gen in wel­cher Weise Hand­lun­gen und Vor­gänge durch­ge­führt wer­den sind (Sei­del 2018: 47).
  4. Ana­ly­sie­ren: Lehr- und Lern­vi­deos kön­nen aber auch als Ana­ly­se­ge­gen­stand ver­wen­det wer­den und etwa in Gestalt eines Demons­tra­ti­ons­vi­deos „natür­li­che“ Situa­tion oder Hand­lungs­si­tua­tio­nen wie­der­ge­ben, an denen Stu­die­rende mit ihren Ana­ly­se­ka­te­go­rien her­an­tre­ten kön­nen: Viel­leicht wird ein Kon­flikt gezeigt, anhand des­sen Eska­la­ti­ons­stu­fen ver­deut­licht wer­den sol­len oder Mög­lich­kei­ten der Inter­ven­tion her­an­ge­tra­gen bedacht wer­den kön­nen. Ande­rer­seits kön­nen video­gra­fierte Hand­lun­gen als Inter­pre­ta­ti­ons­ma­te­rial die­nen, um eine ent­spre­chende Fähig­keit zu för­dern. Dies kann oder sollte auch immer mit Blick auf den Kom­plex Medi­en­kom­pe­tenz gesche­hen: Wie alle Medien kann auch Film immer nur einen Aus­schnitt abbil­den.
  5. Gene­rie­ren: Das Lern­ziel gene­rie­ren haben wir durch Bei­spiele des Fil­mens bzw. Pro­du­zie­ren von eige­nen Videos bzw. mit dem Ansatz „Ler­nen durch Leh­ren“ bereits mehr­fach ange­spro­chen. Stu­die­rende erhal­ten den Auf­trag ein Lern­ge­gen­stand im For­mat eines Videos auf­zu­be­rei­ten und als Infor­ma­ti­ons­ma­te­rial für die Lern­gruppe bereit­zu­stel­len: Videoglos­sar, Erklär­vi­deo, zu einen Begriff, Vor­stel­lung eines Kon­zep­tes oder Modells bzw. von Theoretiker:innen usw. Die­ser Ansatz erlaubt Stu­die­ren­den einen Blick in die media­len Eigen­ar­ten des beweg­ten Bil­des und stärkt Kom­pe­ten­zen zur Ver­mitt­lung von Sach­ver­hal­ten gegen­über Mit­men­schen. Dies­be­züg­lich sind aller­dings sei­tens Leh­ren­der Unter­stüt­zungs­maß­nah­men zur Video­pro­duk­tion zu leis­ten sowie die Res­sour­cen­lage bei Stu­die­ren­den zu berück­sich­ti­gen.
  6. Beur­tei­len: Auch als Refle­xi­ons­ge­gen­stand kön­nen Video­res­sour­cen Ver­wen­dung fin­den. Zunächst könnte über das selbst­pro­du­zierte Video reflek­tiert wer­den — siehe zuvor. Ins­ge­samt kön­nen Bei­träge aus diver­sen Berei­chen ein­ge­setzt wer­den, um die auf­ge­zeich­ne­ten kul­tu­rel­len Aus­drucks­for­men zu ana­ly­sie­ren, zu reflek­tie­ren und zu bewer­ten: Was sagt ein His­to­ri­en­film über das Welt­bild wäh­rend der Pro­duk­tion des Films und das anti­zi­pierte Welt­bild des Ziel­pu­bli­kums aus? Was wusste man über die behan­delte His­to­rie? Dabei sind Videos — ähn­lich wie beim Ana­ly­sie­ren — Demons­tra­ti­ons­ma­te­rial. (Wie gesagt, Typen von Lehr- und Lern­vi­deo sind nie über­schnei­dung­frei.) Demons­tra­ti­ons­vi­deos kön­nen für den Lern­pro­zess zen­trale Impulse geben — für Dis­kus­sio­nen und ver­tie­fende Aus­ein­an­der­set­zun­gen; sie för­dern nicht zuletzt Mul­ti­per­spek­ti­ven­be­trach­tun­gen und je nach Aus­rich­tung auch kri­ti­sches Den­ken.

Dies sind nur einige Bei­spiele, um zu zei­gen, dass mit und in der Gestal­tung von Lehr- und Lern­vi­deos je nach didak­ti­scher Funk­tion und Inten­tion spe­zi­fi­sche Lern­zi­el­le­vel anti­zi­piert wer­den kön­nen. Eine starre Über­tra­gung ist aber nicht anzu­ra­ten. Viel­mehr soll hier eine grobe Ori­en­tie­rung ihres Ein­sat­zes gebo­ten wer­den.

Potenziale im didaktischen Gesamtmix

  • Ergän­zen und ver­tie­fen: Aus Zeit­grün­den wäh­rend der Kon­takt­pha­sen bei­spiels­weise nur ange­ris­sene The­men kön­nen in einem indi­vi­du­ell abruf­ba­ren Video, etwa im Rah­men einer Lern­platt­form, zur Ergän­zung und Ver­tie­fung etwa­iger Inhalte für Ler­nende bereit­ge­stellt wer­den. (Sailer/Figas 2015: 78; Aldrian 2019: 4 f.)
  • Vor- und nach­be­rei­tende Quel­len, zusam­men­fas­sende Funk­tion: Gerade im Zusam­men­hang mit Flip­ped bzw. Inver­ted Class­room, aber auch Online­kur­sen kön­nen Videos eine oder die Basis sein, um auf die spä­tere Kon­takt­zeit, den Aus­tausch über das Quel­len­ma­te­rial vor­zu­be­rei­ten (Aldrian 2019: 5). Gleich­sam kön­nen Videos zusam­men­fas­sen­der Natur sein, etwa am Ende einer Ver­an­stal­tung (Aldrian 2019: 5). In ihrer zusam­men­fas­sen­den Funk­tion kön­nen sie, als Vor­griff, auch rhyth­misch ein­zelne Abschnitte einer Ver­an­stal­tung mit-struk­tu­rie­ren: Siehe unten und dar­über hin­aus Mul­ti­me­dia­prin­zi­pen.
  • ‚Zug­pferd‘ sein — Anreiz schaf­fen, Ein­stieg bie­ten. Videos eigen sich, um in Ler­nende in einen Sach­ver­halt ein­stei­gen zulas­sen, zur Ein­füh­rung in ein Thema. Denn sie ent­spre­chen den „Medi­en­nut­zungs­ge­wohn­hei­ten von Ler­nen­den“ (Har­der o. J.: 102). Gerade zu Beginn einer Ver­an­stal­tungs­reihe dürf­ten auf­wän­dige und mit­rei­ßende Videos im Vor­teil sein, als dass sie weg­be­rei­ten­den Cha­rak­ter haben kön­nen, als ers­ter Ein­druck, um ein Dran­blei­ben zu begüns­ti­gen.
  • Abwechs­lung, Rhyth­mus — Viel­falt als Ele­ment von „gutem“ Unter­richt: Sicher­lich nicht exklu­siv für das bewegte Bild gel­tend kann ein ‚ande­res‘ Medium bzw. ein Video Abwechs­lung bie­ten, indem es bei­spiels­weise, so Aldrian (2019: 5), in theo­re­ti­sche Phase einer Ver­an­stal­tung ein­ge­bracht wird. Der Ein­satz von Lehr- und Erklär­vi­deos kann auch im Sinne der Defi­ni­tion guten Unter­richts (Meyer 2020) ver­stan­den wer­den: ein Video als „mes­o­didak­ti­sche“ (Meyer 2020, 74 ff.) Metho­dik. Metho­di­sche und mediale Viel­falt kön­nen dazu bei­tra­gen, dass Auf­merk­sam­keit ler­nen­der Per­so­nen sei­tens leh­ren­der Per­so­nen erhal­ten oder wie­der gewon­nen wird.
  • Ler­nen durch Leh­ren (Ebener/Schön 2017: 4): Anhand durch Stu­die­rende rea­li­sier­ter Videos kön­nen andere Stu­die­rende unter­rich­tet wer­den. Die­ser Ansatz erlaubt Stu­die­ren­den einen Blick in die media­len Eigen­ar­ten des beweg­ten Bil­des (≈ Medi­en­kom­pe­tenz) und stärkt Kom­pe­ten­zen zur Ver­mitt­lung von Sach­ver­hal­ten gegen­über Mit­men­schen. Dies­be­züg­lich sind aller­dings sei­tens Leh­ren­der Unter­stüt­zungs­maß­nah­men zur Video­pro­duk­tion zu leis­ten sowie die Res­sour­cen­lage bei Stu­die­ren­den zu berück­sich­ti­gen.

Potenziale aus Produktionsperspektive

  • Gewohn­tes (≈ Medium Film) auf Sei­ten Ler­nen­der auf­grei­fen: Poten­tiale bie­ten Lehr-und Erklär­vi­deos auf Grund ihrer Kon­ven­tio­na­li­tät — von klein auf wach­sen wir mit beweg­ten Bil­dern auf, seit Jah­ren wächst der Anteil an Videos im Rah­men der Inter­net­nut­zung. Dies­be­züg­lich muss also nicht not­wen­di­ger­weise ein Ver­ste­hen von Fil­men erlernt wer­den, grund­le­gende Fähig­kei­ten lie­gen vor. Obschon einer auch für das Leh­ren und Ler­nen gel­ten­den Unwahr­schein­lich­keit von Kom­mu­ni­ka­tion kann auf die­sem Wege zumin­dest eine erste Hürde im Sinne eines Tür­öff­nens genom­men wer­den.
  • Anpas­sung an Konkretes/Zielgruppe durch eigene Pro­duk­tion: Lehr- und Erklär­vi­deos aus eige­ner Feder kön­nen das Poten­zial bie­ten, dass Sie als pro­du­zie­rende Per­son auf kon­krete Sach­ver­halte und The­men sowie die jewei­lige Ziel­gruppe und deren Situa­tion spe­zi­fisch ein­ge­hen kön­nen, sie müs­sen nicht zwangs­weise auf vor­ge­fer­tigte Mate­ria­lien zurück­grei­fen. Eine ein­mal erstellt Pro­jekt­da­tei kann ggf. — wenn auch nicht ohne Auf­wand — verändert/angepasst wer­den.
  • (Effi­zi­enz sei­tens pro­du­zie­ren­der Per­so­nen — durch abruf­bare Daten­sätze, ver­sio­nier­bare Pro­jekt­da­teien): Auf­zeich­nun­gen von Lehr-Ver­an­stal­tung erlau­ben ein effi­zi­en­tes Leh­ren, inso­fern das Mate­rial mehr­fach genutzt wer­den kann — zunächst auf Sei­ten Ler­nen­der: Videos kön­nen mehr­fach Betrach­tung fin­den, gestoppt und zurück­ge­spult wer­den (Rosen­baum 2018; Aldrian 2019: 6). Auf­zeich­nun­gen von Vor­le­sun­gen kön­nen vor- und nach­be­rei­tende Arbei­ten begüns­ti­gen — Inver­ted Class­room (Aldrian 2019: 6). All­ge­mein und nicht nur im Rah­men des Pan­de­mie­ge­sche­hens bie­tet sich anhand von Lehr­vi­deos die Chance für ein indi­vi­du­el­les, zeit­lich wie auch räum­lich unab­hän­gi­ges Leh­ren und Ler­nen ≈ asyn­chro­ner Unter­richt. Auf Sei­ten Leh­ren­der kön­nen Mate­ria­lien mehr­fach Ver­wen­dung fin­den — im nächs­ten Semes­ter zum Bei­spiel. Mate­ria­len kön­nen — mehr oder min­der mit Auf­wand ver­bun­den — ange­passt wer­den. Hin­sicht­lich einer Effi­zi­enz und ggf. anvi­sier­ter Anpas­sung eines Videos kön­nen OER-Mate­ria­lien Poten­tiale ent­fal­ten: Wenn es sich um offene Datei­for­mate, bei Video also vor allem Pro­jekt­da­teien, inklu­sive inte­grier­ter oder ver­knüpf­ter, frei lizen­sier­ter Dateien han­delt. Die Klam­mern um den Effi­zi­enz-Begriff erge­ben sich aus dem Umstand, dass, die Film­pro­duk­tion aller­dings als kom­plex und/oder res­sour­cen-inten­siv zu beschrei­ben ist.

Exkurs (OER-)Offenheit und das bewegte Bild

OER, also Open Edu­ca­tio­nal Resour­ces, wer­den regel­mä­ßig mit dem Begriff Offen­heit asso­zi­iert. Denn im Geiste von OER kön­nen Mate­ria­lien auf dem Wege der Offen­heit, je nach Lizenz, von ande­ren nach­ge­nutzt und sogar bear­bei­tet wer­den. Dabei gilt die Devise, idea­ler­weise offene Datei­for­mate zum Spei­cher her­an­zu­zie­hen, sodass Nach­nut­zende unkom­pli­ziert das Mate­rial auf ihre Bedürf­nisse hin anpas­sen oder gar erwei­tern kön­nen. Was aber bedeu­tet offen kon­kret für das Feld Video? Denn, zwar nicht exklu­siv für das Video, aber vor allem auf­grund sei­ner Mul­ti­me­dia­li­tät (min­des­tens Ton und Bild etc.) könn­ten Filme der­zeit (Stand der Tech­nik) immer als geschlos­sen ver­stan­den wer­den: Die ein­zel­nen Ele­mente, aus denen das Video erstellt ist, kön­nen nicht ohne Auf­wand oder bis­wei­len gar nicht aus der fina­len Datei extra­hiert und geson­dert bear­bei­tet wer­den. »Nicht exklu­siv« hat es vor­weg­ge­nom­men: Das gilt im Grunde genom­men auch für Bild­da­teien — etwa eine JPEG oder eine PNG. Offen kann im Zusam­men­hang mit Videos also vor allem mei­nen, dass die Video­da­tei in einem For­mat abge­spei­chert wird, dass von mög­lichst vie­len Nach­nut­zen­den geöff­net wer­den kann — im Sinne einer Abspiel­bar­keit. Soll das Video via eines H5P-Plug­ins mit Inter­ak­ti­vi­tä­ten ver­se­hen wer­den, sollte das Video etwa in MP4 oder Webm-For­mat vor­lie­gen. Und: Es ist gemeint, dass das Video-File sich von ver­brei­te­ten Video­be­ar­bei­tungs­pro­gramm öff­nen und schnei­den etc. lässt. Idea­ler­weise meint offen im Zusam­men­hang mit Videos und OER, dass auch die Pro­jekt­da­teien eines Videos / der Bear­bei­tungs­soft­ware inklu­sive der in die­ser Pro­jekt­da­tei ver­knüpf­ten Ele­mente auf eine OER-Platt­form hoch­zu­la­den. So könn­ten Nach­nut­zende auf ein­zelne Ele­mente wie Musik, Sound­ef­fekte, ein­ge­bun­den Gra­fi­ken und das Video­ma­te­rial selbst zugrei­fen. Ein­schrän­kend / der Trans­pa­renz hal­ber: Die­ser Vor­gang ist jedoch mit erheb­li­chem Auf­wand für die hoch­la­dende Per­son / der:die Autor:in ver­bun­den.


Illustration einer Wippe: Lehrvideos vs. Buch – bildliche Darstellung der Herausforderungen beim Einsatz von Lehr- und Lernvideos.

Die Her­aus­for­de­run­gen im Feld Lehr- und Lern­vi­deos
Bild von Sönke Hahn in Anleh­nung an Sarah Brock­mann, frei­ge­ben unter CC BY 4.0


Kritische Anmerkung zum Einsatz von Lehrvideos

Nicht nur in die­sem, son­dern auch in den vor­her­ge­hen­den Tei­len die­ser Blog-Serie ist immer wie­der ange­klun­gen, dass der Ein­satz von Lehr- und Lern­vi­deos, trotz gro­ßer Poten­ziale, bis­wei­len sowohl Ler­nende als auch Leh­rende vor Her­aus­for­de­run­gen stellt. Bzw. die Maß­nahme Lehr­vi­deo nicht immer Ler­nen begüns­tigt — wir wol­len drei kri­ti­sche Anmer­kung nicht vor­ent­hal­ten:

  • Sequen­zia­li­tät des Medi­ums: Sie ist Vor­teil und Nach­teil zugleich — die Natur des Medi­ums selbst. Film ist ein sequen­zi­el­les Medium: Ein­zelne Bil­der fol­gen auf­ein­an­der. Dadurch ist ein Film nie ad-hoc ein­seh­bar. Es muss durch die Datei, soweit mög­lich, gescrollt wer­den, um alle Facet­ten und dann nur über­blick­haft erfas­sen zu kön­nen. Gedruck­tes ist dem­ge­gen­über zum einen ohne grö­ßere tech­ni­sche Ein­rich­tun­gen und Infra­struk­tur ein­seh­bar. Zum ande­ren kann ein Blatt als sol­ches schnell erfasst wer­den. Das Blatt aber kann höchs­tens im Sinne eines Dau­men­ki­nos Pro­zesse ein­gän­gig oder defi­ni­tiv abbil­den — als Sei­ten eines Buches. (Natür­lich kann argu­men­tiert wer­den, dass auch ein Blatt ähn­lich dem ein­zel­nen Bild oft genug ‚nur‘ Teil einer Abfolge ist. Zudem dürf­ten mit den höhe­ren Auf­lö­sun­gen des beweg­ten Bil­des ver­bun­den lang­fris­tig ähn­lich umfas­send Infor­ma­tio­nen auch im Video abge­bil­det wer­den kön­nen.)
  • Kom­pe­ten­zen (und Bud­get auf Sei­ten pro­du­zie­ren­der Men­schen) not­wen­dig: Die Pro­duk­tion selbst kur­zer Videos ist in der Regel auf­wen­dig und erfor­dert einer­seits grund­le­gen­des Wis­sen zur Gestal­tung und Nar­ra­tion. Diese Fähig­kei­ten gehen regel­mä­ßig über jene eines blo­ßen Kon­su­mie­rens hin­aus. Nicht von unge­fähr gibt es ent­spre­chende Stu­di­en­gänge zum beweg­ten Bild und/oder audio­vi­su­el­len Gestal­ten. Ande­rer­seits sind Kennt­nisse sowohl hin­sicht­lich in Frage kom­men­der, gar not­wen­di­ger Soft­ware als auch Tech­nik zu berück­sich­ti­gen. Glei­ches gilt für das Bud­get und den Zeit­auf­wand zur Rea­li­sie­rung eines Lehr- oder Erklär­vi­deos. Ad hoc etwas zu erklä­ren, schei­det, trotz leis­tungs­star­ker Smart­phones, in der Regel aus. Es ist ein Bewusst­sein um die Ver­bin­dung von Form/Wie und Inhalt/Was not­wen­dig: Nicht nur sollte ein Video mit Blick auf ein über­grei­fen­des Lehr­kon­zept kon­zi­piert, rea­li­siert und ein­ge­setzt wer­den, auch das Video selbst sollte didak­ti­schen und/oder kom­mu­ni­ka­ti­ven Über­le­gun­gen und Erkennt­nis­la­gen ent­spre­chen. Ein jedes Medium, also auch Film, fußt auf einer untrenn­ba­ren Bezie­hung von Form und Inhalt. Anders gesagt: Ein gelun­ge­ner Inhalt kann an einer unbe­dach­ten Form lei­den — weil er dann womög­lich nicht anschau­lich und ziel­grup­pen­spe­zi­fisch genug die Ler­nen­den für sich gewin­nen oder in ihrer Welt abho­len ver­mag. Dann: Obschon ein mensch­li­ches Bedürf­nis nach Ästhe­tik (Maslow — dazu gleich) ange­nom­men wer­den darf, kann ein Über­maß rein deko­ra­ti­ver Ele­mente ablen­kend wir­ken (Mayer 2021: 143). Kon­krete emp­fiehlt sich wie im ers­ten Teil die­ses Blog-Bei­trags gese­hen ein Blick auf die soge­nann­ten Mul­ti­me­dia-Prin­zi­pien, um etwa Ton-Bild-Sche­ren abzu­wä­gen, gar zu min­dern und gleich­sam eine über­las­tende Über­la­ge­rung glei­cher Infor­ma­tio­nen auf ver­schie­de­nen Kanä­len zu mini­mie­ren (≈ 1:1‑Vorlesen).
  • Wach­sende Anspruchs­hal­tung auf Sei­ten des Publikums/lernender Men­schen: Die Ver­brei­tung des beweg­ten Bil­des lässt erfah­rungs­ge­mäß den Anspruch sei­tens des Publi­kums, also Ler­nen­der, wach­sen. Pixeli­ges oder akus­tisch Unbe­darf­tes dürf­ten also eher demo­ti­vie­rend sein, denn voll­ends Betrach­tung fin­den. Eine höhere hand­werk­lich-tech­ni­sche Qua­li­tät dürfte über­dies zum Ver­ständ­nis eines ange­dach­ten Inhal­tes bei­tra­gen, als das Ton und Bild bes­ser erfasst wer­den kön­nen und nicht im Pixel­brei unter­zu­ge­hen dro­hen (Aldrian 2019: 6). Mate­ria­len geringe Qua­li­tät dürf­ten über­dies nur begrenzt dau­er­haft nutz­bar sein — für leh­rende und ler­nende Per­so­nen. Sicher­lich muss nicht jedes Video in 4k- oder 8k-Auf­lö­sung rea­li­siert wer­den. FullHD (1080p) sollte nach Mög­lich­keit gegen­wär­tig (2022) erreicht wer­den. Neben einer gewis­sen tech­nisch-hand­werk­li­chen Wer­tig­keit muss auch Ästhe­tik als einen Mehr­wert im Zusam­men­hang mit Lehre und Ler­nen ver­stan­den wer­den: Die Bedürf­nis­ka­te­go­rien des US-ame­ri­ka­ni­schen Psy­cho­lo­gen, Abra­ham Maslow (1970: 51) legen nahe, dass Ästhe­tik ein Bedürf­nis des Men­schen ist. Ästhe­tisch gelun­gen Werke erfah­ren mehr Wert­schät­zung (Yablon­ski 2020: 59 ff.).
  • Reduk­ti­ons­falle — zu ein­fachUm etwa­igen (wenn auch frag­wür­di­gen) Faust­re­geln, was die ideale Länge eines Videos anbe­trifft, gerecht zu wer­den, um dem media­len Rau­schen unse­rer Zeit ent­ge­gen­zu­tre­ten, um kna­ckige Lehr­ein­hei­ten in Video­form zu pro­du­zie­ren, dro­hen ange­dachte Sach­ver­halte über Gebühr ver­kürzt zu wer­den. Ein ange­dach­ter Inhalt und seine Kom­ple­xi­tät dro­hen damit sei­tens Ler­nen­der nur unge­nü­gend erfasst zu wer­den (Ebner/Schön 2017: 7), weil er sich nicht als Her­aus­for­de­rung erweist. In die­ses Feld dürfte auch der Umstand zäh­len, dass Reduk­tion, ver­stan­den als Ver­ein­fa­chung, auf Sei­ten Ler­nen­der eine Über­schät­zung her­auf­be­schwö­ren kann: „Alles scheint so ein­fach.“ Das Kon­zept des Flows aus den 1970er Jah­ren im Sinne des unga­ri­schen Psy­cho­lo­gen Mihaly Robert Csikszent­mi­ha­lyi (1990) legt nahe, dass eine Art Aus­gleich zwi­schen Anfor­de­run­gen und Ver­mö­gen in unse­rem Fall Ler­nen­der im Auge zu behal­ten ist — um besag­ten Flow zu begüns­ti­gen. Die­ser kann in gemä­ßig­ter Vari­ante ähn­lich einem umfas­sen­den Erle­ben von Kon­zen­tra­tion ver­stan­den wer­den. Inso­fern sollte eine dahin­ge­hende Pro­gres­sion etwa im Zuge ent­we­der einer Serie von Lehr­ein­hei­ten und Lehr­vi­deos erreicht wer­den oder inner­halb eines Videos mit anstei­gen­den inhalt­li­chen und/oder audio­vi­su­el­len Her­aus­for­de­run­gen: Denn allzu Ein­fa­ches kann demo­ti­vie­ren, statt ein Dran­blei­ben zu begüns­ti­gen — ana­log zu jenen Her­aus­for­de­run­gen, die, weil nicht ziel­grup­pen-adäquat, gar nicht zu meis­tern sind. Zwi­schen bei­den Extre­men kann eine all­mäh­li­che Stei­ge­rung voll­zo­gen wer­den, um besag­ten Flow zu begüns­ti­gen.

Fazit

Lehr- und Erklär­vi­deos bie­tet viel­fäl­tige Poten­tiale in der Lehre und für das Ler­nen — aus Kon­ven­tio­nen her­aus sind sie all­seits ver­traut; didak­tisch bie­tet ihre Mul­ti­me­dia­li­tät und Sequen­zia­li­tät Chan­cen, ein­gän­gi­ger (Pro­zess­haf­tes) zu ver­mit­teln, Zeit sicht­bar zu machen; als abruf­bare Dateien kön­nen sie asyn­chro­nen, ten­den­zi­ell indi­vi­du­el­len Unter­richt begüns­ti­gen sowie lang­fris­tig bei meh­re­ren Gele­gen­hei­ten Ein­satz fin­den. Der Ein­satz von Lehr- und Erklär­vi­deos stellt Leh­rende aber auch vor Her­aus­for­de­run­gen — was Fähig­kei­ten in Nar­ra­tion und Gestal­tung anbe­trifft, Bud­get, Zeit­auf­wand und Tech­nik anbe­langt. Gleich­sam lohnt sich ein Ein­stieg in diese Feld, da wie bei vie­len Kom­pe­ten­zen von einer ers­ten Basis aus in wei­te­ren Pro­jek­ten gezehrt wer­den kann, Kom­pe­ten­zen von Pro­jekt zu Pro­jekt wach­sen. Kon­krete Hilfe zur Pro­duk­tion, von Kon­zep­tion bis zur Rea­li­sa­tion, bie­tet diese Samm­lung von Vor­la­gen und Hand­rei­chun­gen zur Video­pro­duk­tion auf twillo.de. Diese ist im Sinne der auch didak­ti­schen Aus­rich­tung der OER-Platt­form twillo zur Unter­stüt­zung der Lehre ent­stan­den. Die Samm­lung erläu­tert neben den Typen, den Work­flow und unter­stützt das Anle­gen eines Spa­nungs­bo­gens, das Ver­fas­sen von Dreh­buch und/oder Erstel­len eines Sto­ry­boards — anhand von Vor­la­gen und Hand­rei­chun­gen. Falls Sie die ers­ten bei­den Teile ver­passt haben soll­ten:

Oder schauen Sie direkt in unsere Sammm­lung auf twillo, um in medias res zu gehen — inklu­sive Hand­rei­chun­gen mit Hin­ter­grund­in­fos und Vor­la­gen.

Über die Autoren

Fran­ziska Bock, M. A. und Dr. Sönke Hahn sind wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­tende des Pro­jekts „OER-Por­tal Nie­der­sach­sen“: twillo — Lehre tei­len. Bock ist im Bereich der Hoch­schul­di­dak­tik aktiv und beschäf­tigt sich mit Fra­gen der Schreib­di­dak­tik sowie mit Fra­gen der Kon­zep­tion von reus­ablen Lehr- und Lern­ma­te­ria­lien. Hahn ist inter­dis­zi­pli­nä­rer Wis­sen­schaft­ler, Fil­me­ma­cher mit inter­na­tio­na­len Auf­füh­run­gen und mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ter Desi­gner. Als Teil der Hoch­schule Emden/Leer sehen Bock und Hahn es als ihren Auf­trag, über guten Inhalt hin­aus die Lehre als sol­ches vor­an­zu­brin­gen.

Literaturangaben

Aldrian, S. (2019): Lehr­vi­deo. Zen­trum für Hoch­schul­di­dak­tik. Fach­hoch­schule der Wirt­schaft, Graz. URL: https://www.campus02.at/hochschuldidaktik/wp-content/uploads/sites/20/2019/09/Lehrvideo.pdf (abge­ru­fen am 15.03.2022).

Csikszent­mi­ha­lyi, M. (1990): Flow: The Psy­cho­logy of Opti­mal Expe­ri­ence. New York: Har­per and Row.

Ebner, M. / Schön, (2017): Lern- und Lehr­vi­deos: Gestal­tung, Pro­duk­tion, Ein­satz. Hand­buch E‑Learning. 71. Erg. Lie­fe­rung (Okto­ber 2017). 4.61. S. 1–14.

Hahn, S. (2018): Die Sechs­falt der Immersion: Ver­such der (dis­kur­si­ven) Defi­ni­tion eines viel­schich­ti­gen Kon­zep­tes URL: https://www.academia.edu/35937976/Die_Sechsfalt_der_Immersion_Versuch_der_diskursiven_Definition_eines_vielschichtigen_Konzepts (15.03.2022).

Har­der, S. (o. J.): Lehr­vi­deos. Ein­satz­mög­lich­kei­ten im berufs­be­glei­ten­den Stu­dium. URL: https://www.uni-rostock.de/storages/uni-rostock/UniHome/Weiterbildung/KOSMOS/Lehrvideos.pdf (abge­ru­fen am 15.03.2022).

Maslow, A. (1970): Moti­va­tion and Per­so­na­lity. Har­per & Row.

Mayer, R. E. (2021): Mul­ti­me­dia Lear­ning. Cam­bridge Uni­ver­sity Press.

Meyer, H. (2020): Was ist guter Unter­richt? Cor­nel­sen: Ber­lin

Rosen­baum, L. (2018): „You­tube – Lehr­vi­deos zu einem inter­ak­ti­ven Lern­erleb­nis wei­ter­ent­wi­ckeln“ In: Blog E‑Learning Zen­trum Hoch­schule für Wis­sen­schaft und Recht Ber­lin. URL: https://blog.hwr-berlin.de/elerner/youtube-lernvideos-zu-einem-interaktiven-lernerlebnis-weiterentwickeln/ (abge­ru­fen am 15.03.2022).

Sai­ler, M. / Figas, P. (2015): „Audio­vi­su­elle Bil­dungs­me­dien in der Hoch­schul­lehre. Eine Expe­ri­men­tal­stu­die zu zwei Lern­vi­deo­ty­pen in der Sta­tis­tik­lehre“ In: Bil­dungs­for­schung 12 (2015) 1, S. 77–99.

Schmidt-Bor­cher­ding, F. / Dren­del, L. (2021): »Erklär­vi­deos in der digi­ta­len Hoch­schul­lehre: Wel­che Rolle spie­len Spre­cher­prä­senz und Kohä­renz für Lern­erle­nem und Lern­erfolg?« In: die hoch­schul­lehre, 8, S. 69—76.

Sei­del, N. (2018): »Auf­ga­ben­ty­pen für das Zusam­men­spiel von E‑Assessment und Lern­vi­deos« In: Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Berg­aka­de­mie Frei­berg (Hg.): Video­cam­pus Sach­sen – Mach­bar­keits­un­ter­su­chung, S. 45–60.

Yablon­ski, J. (2020): Law of UX. 10 prak­ti­sche Grund­prin­zi­pien für intui­ti­ves, men­schen­zen­trier­tes UX-Design. O’Reilly/dpunkt: Hei­del­berg.

Zan­der, S. / Beh­rens, A. / Mehl­horn, S. (2018): »Erklär­vi­deos als For­mat des E‑Learnings« In: Nie­ge­mann H., Wein­ber­ger A. (Hg.): Ler­nen mit Bil­dungs­tech­no­lo­gien. Sprin­ger: Ber­lin, Hei­del­berg.


Die­ser Arti­kel von Fran­ziska Bock und Sönke Hahn ist – sofern nicht anders an ein­zel­nen Inhal­ten ange­ge­ben – lizen­ziert unter CC BY 4.0


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